Genetik und Endophänotypen
Vorsitz:
Jürgen Gallinat, Berlin
Thomas Schulze, Göttingen
Dan Rujescu, München
Mitglieder:
Gallinat, Jürgen (Berlin)
Schulze, Thomas (Göttingen)
Rujescu, Dan (München, LMU)
Binder, Elisabeth (München, MPI)
Cichon, Sven (Bonn)
Lesch, Klaus-Peter (Würzburg)
Maier, Wolfgang (Bonn)
Meyer-Lindenberg, Andreas (Mannheim)
Mössner, Rainald (Bonn)
Müller-Myhsok, Bertram (München, MPI)
Nöthen, Markus (Bonn)
Reif, Andreas (Würzburg)
Rietschel, Marcella (Mannheim)
Schwab, Sibylle (Erlangen)
Ziele:
• Etablierung einer Austauschmöglichkeit für Fragen der Genetik und Endophänotypen innerhalb der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie
www.dgbp.eu
• Vorbereitung von regelmäßigen Symposien/Workshops innerhalb von Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie bzw. in Kooperation mit DGPPN und AGNP
• Vorbereitung von Beiträgen zur Thematik für die Zeitschrift
European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience
www.springer.com/medicine/psychiatry/journal/406
Aktivitäten auf früheren Kongressen:
- The 3rd Meeting of West European Societies of Biological Psychiatry
www.webp2010.eu
2. – 4. June 2010, Berlin
- 4. Juni, Berlin, 17.00 Uhr
Parallel Symposia
Imaging genetics
Chairs: J. Gallinat (D) and D. Rujescu (D)
Candidate genes in schizophrenia
W. Maier (D)
Intermediate phenotypes in psychiatry: Meeting the expectations?
J. Gallinat
Genome-wide association studies in Bipolar Disorder and beyond
T.G. Schulze (USA)
The role of genetics in schizophrenia
D. Rujescu (D)
Aktivitäten auf zukünftigen Kongressen:
In Planung
Hintergrund:
1. Genetik psychiatrischer Störungen
Viele psychiatrische Störungen haben einen klaren genetischen Anteil, wie Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien über viele Jahrzehnte eindrucksvoll zeigen konnten.
Heritabilität
| Autismus: | 90% |
| Schizophrenie: | 70-85% |
| Bipolare Störung: | 60-85% |
| OCD: | 60-70% |
| Alkoholabhängigkeit: | 55-60% |
| Eßstörungen: | 55-60% |
| Panikstörung: | 40-50% |
| MDE: | 40% |
Auch wenn es in der Vergangenheit große Debatten darüber gab, ob nur die Umwelt oder nur die Genetik entscheidend sind, herrscht momentan Konsens darüber, dass ein Wechselspiel zwischen beiden zum Ausbruch psychiatrischer Störungen beiträgt.
Familienstudien:
Familienstudien untersuchen die Merkmalsverteilung (z.B. eine psychiatrische Störung) bei Angehörigen derselben Familie, soweit diese „blutsverwandt“ sind, wobei hieraus noch kein Rückschluss auf die Ursachen dieser familiären Häufung gezogen werden kann, d.h. es kann sich sowohl um eine genetische als auch um eine umweltbedingte Häufung handeln.
Diese Unterscheidung kann erst durch Zwillings- und Adoptionsstudien vorgenommen werden.
Zwillingsstudien:
Zwillingsstudien vergleichen die Übereinstimmung (Konkordanz) zwischen ein- und zweieiigen Zwillingspaaren. Dabei gibt der Unterschied in der Übereinstimmung zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren (nach Bereinigung der zufallsbedingten Übereinstimmung) Auskunft über das Ausmaß der genetisch determinierten Varianz.
Adoptionsstudien:
Adoptionsstudien können insbesondere die unterschiedlichen familiären Umgebungsfaktoren analysieren, indem Merkmale zwischen den biologischen Verwandten und den Adoptionsfamilien in Bezug auf z.B. einen erkrankten Patienten verglichen werden.
Molekulargenetik:
Sobald eine genetische Komponente für eine psychiatrische Störung ermittelt wurde, ist die Frage, welche Abschnitte in der DNA hierfür verantwortlich sind. Kopplungsstudien untersuchen hierbei z.B. große Familienstammbäume und suchen nach Regionen, die mit der Störung gehäuft vererbt werden. Einen anderen Ansatz stellen Assoziationsstudien dar, die im einfachen Falle, große Gruppen von nicht-verwandten Patienten mit Probanden ohne den entscheidenden Phänotypen (Fall-Kontroll-Studien) auf der Ebene einzelner Basenaustauschpolymorphismen in der DNA untersuchen (SNP single nucleotide polymorphism). Mittlerweile ist diese Methode so weit fortgeschritten, dass im Rahmen genom-weiter Assoziationsstudien bis zu 5 Millionen dieser SNPs in einem Ansatz untersucht werden können. Aktuell beginnen Projekte, die das gesamte Genom eines Individuums sequenzieren und wo Betroffene und Nicht-Betroffene verglichen werden.
2. Der Ansatz der intermediären Phänotypen (Endophänotypen)
Der Ansatz der intermediären Phänotypen stellt eine komplementäre Suchstrategie nach Genen dar. Klinische Klassifikationssysteme psychiatrischer Erkrankungen scheinen heterogene Störungen mit einzelnen Subtypen zu beschreiben. Damit dürfte die gebräuchliche klinisch-psychiatrische Klassifikation für genetische Studien nicht immer optimal geeignet sein. Aus diesem Grunde erscheint eine Einteilung nach Endophänotypen, deren Beschreibung einfache, quantitative Messgrößen neuropsychiatrischer Funktionen zu Grunde liegen, bei der Identifizierung relevanter Gene vielversprechend. Dieser Ansatz ermöglicht es, die mit ätiologischen Modellen einhergehenden methodischen Probleme zu umgehen. Der Hintergrund für die Verwendung von Endophänotypen bei der Genidentifizierung ist, dass diese stringent definierten Phänotypen mit den Ursachen einer psychiatrischen Erkrankung näher assoziiert sein könnten und diese möglicherweise besser umschreiben als der klinische Phänotyp. Demnach repräsentieren Endophänotypen die Verbindung zwischen Genen und dem klinischen Phänotyp.
Die für die Analyse von Endophänotypen zur Verfügung stehenden Methoden beinhalten z.B. neuropsychologische, neurophysiologische und bildgebende (fMRI) Verfahren. Einige dieser Endophänotypen sind unabhängig vom Erkrankungsstadium mit der Krankheit assoziiert und kosegregieren in betroffenen Familien. Insgesamt hat sich durch den Einsatz von Endophänotypen eine bemerkenswerte Möglichkeit eröffnet, komplexe neuropsychiatrische Krankheiten zu untersuchen und wird in naher Zukunft voraussichtlich eine immer wichtigere Rolle einnehmen.