Experimentelle Psychiatrie
Das Referat „Experimentelle Psychiatrie“ der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie versteht sich als Diskussionsforum für alle in Deutschland auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler, seien sie Mediziner, Psychologen, Biologen etc.
Ziel ist es auch gemeinsame Standards zu entwickeln und sich durch Forschungsprojekte und Publikationen sich zu vernetzen sowie Nachwuchs in diesem Feld zu fördern und aufzubauen.
Prof. Dr. G. Juckel:
Tiermodelle psychiatrischer Erkrankungen
Die Fortschritte in der Medizin beruhen zu einem großen Teil auf dem Einsatz von Tierexperimenten. So konnten in der Vergangenheit viele physiologische und pathogenetische Funktionen z. B. des Nerven-, Hormon- und Immunsystems und der Genetik aufgeklärt werden. Bei der Aufklärung komplexer Funktionen, wie des Verhaltens wird auch in Zukunft wahrscheinlich nicht auf das Studium des Gesamtorganismus, d. h. auf Untersuchungen am intakten lebenden Organismus im Tierexperiment, verzichtet werden können. Mit dieser biomedizinischen Grundlagenforschung ist deshalb auch eine große ethische Verantwortung verbunden (siehe Stellungnahme der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 2004).
Die psychiatrische Grundlagenforschung hat das Ziel, die pathophysiologischen und therapeutischen Grundlagen psychiatrischer Erkrankungen aufzuklären. Bei Verwendung von Tiermodellen kann eine große methodische Vielfalt aus Genetik, Biochemie, Neurophysiologie, Immunhistochemie, Verhaltensbeobachtung - um nur einige zu nennen - zum Einsatz kommen. Beispielsweise können pathogenetische Krankheitshypothesen wie die „Dopaminhypothese“ der Schizophrenie in Tiermodelle umgesetzt werden und Fragen nach den genetischen und neurochemischen Grundlagen und damit nach therapeutischen Perspektiven untersucht werden. Genetische Knockout-Tiermodelle ermöglichen nähere neurobiologische Charakterisierung von z.B. depressiven und dementiellen Syndromen. Besonderes Augenmerk liegt im Rahmen der Vulnerabilitäts-Streß-Coping-Hypothese der Verursachung psychischer Störungen auf Modellen, die in der Lage sind, die Entwicklung psychiatrischer Erkrankungen von Embryonalzeit und Kindheit bis hin zum Erwachsenalter im Längsschnitt in ihrer Entwicklungsdynamik nachzuzeichnen.
Berend Malchow:
Zum Stellenwert klinischer Forschung in der biologischen Psychiatrie
Die Durchführung klinischer Studien ist in der modernen biologisch-psychiatrischen Forschung unverzichtbar, um innovative therapeutische Verfahren weiter zu entwickeln und Patienten und Patientinnen zugänglich zu machen.
Klinische Forschung ist das Bindeglied zwischen grundlagenorientierter Forschung und der Umsetzung und Anwendung der Ergebnisse in der täglichen klinischen Praxis. Umgekehrt liefert die exakte klinische Beobachtung und Beschreibung von psychiatrischen Störungsbildern erste Grundannahmen über die möglicherweise zugrundeliegende biologische Pathophysiologie. Diese Hypothesen können dann mit entsprechenden bildgebenden, elektrophysiologischen oder genetischen Verfahren genauer untersucht werden.
Kontrollierte klinische Forschung kann ihre Anwendung in der Diagnoseforschung, der pharmakologischen sowie nicht-pharmakologischen Interventionsforschung, der Prognoseforschung sowie der Erforschung von sekundär-präventiven Maßnahmen finden.
Die translationale biologisch-psychiatrische Forschung stellt einen Schlüssel zu einem exakten Verständnis psychiatrischer Erkrankungen und gleichzeitig ihrer differenzierten störungsspezifischen Therapie dar.
Dazu ist es notwendig, dass der systematische Ausbau der klinischen Forschung und deren Vernetzung mit den grundlagenorientierten Forschungseinrichtungen in Deutschland weiter vorangetrieben werden.
Dabei kommt den zugehörigen Koordinierungszentren, die bei der Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von klinischen Studien unterstützend mitwirken, eine besondere Bedeutung zu.
Neurobiologische Forschung ist zunehmend verpflichtet, auch die Umsetzung Ihrer Ergebnisse durch die Durchführung klinischer Prüfungen zu gestalten, um Patientinnen und Patienten die neuesten Erkenntnisse der biologischen Psychiatrieforschung in Ihrer Behandlung zukünftig zur Verfügung zu stellen. Damit kann die neurobiologische Forschung eingebettet in ein therapeutisches Grundkonzept zur Genesung und Aufrechterhaltung von seelischer Gesundheit beitragen.